Pflegegrad bei Diabetes Typ 1:
Worauf es bei der Begutachtung ankommt.
Eine Diabetesdiagnose allein führt nicht automatisch zu einem bestimmten Pflegegrad. Entscheidend ist, welche Unterstützung das einzelne Kind tatsächlich benötigt. Das Bundessozialgericht hat im Dezember 2024 klargestellt, dass diabetesbedingter Hilfebedarf im Einzelfall auch außerhalb von Modul 5 berücksichtigt werden kann.

Kurz gesagt
Eine Diabetesdiagnose allein führt nicht automatisch zu einem bestimmten Pflegegrad. Modul 5 bringt höchstens 20 gewichtete Punkte, Pflegegrad 2 beginnt bei 27. Das Bundessozialgericht hat am 12. Dezember 2024 klargestellt, dass diabetesbedingter Hilfebedarf im konkreten Einzelfall auch außerhalb von Modul 5 berücksichtigt werden kann (B 3 P 9/23 R). Ob und wie viele Punkte daraus entstehen, hängt vom Einzelfall und vom Altersvergleich ab.
Stand: September 2026 · Wolkenfreie Zeit Beratung & Teilhabe GmbH, Itzehoe
Modul 5 und die Punkte
Blutzucker messen, Insulin geben, Katheter und Sensor wechseln: Das gehört zu Modul 5, dem Umgang mit krankheits- und therapiebedingten Anforderungen. Modul 5 wird altersunabhängig bewertet. Es ist mit 20 Prozent gewichtet und bringt deshalb höchstens 20 Punkte. Pflegegrad 2 beginnt bei 27 Gesamtpunkten.
Was das Bundessozialgericht klargestellt hat
Eine Diabetesdiagnose allein führt nicht automatisch zu einem bestimmten Pflegegrad. Entscheidend ist, welche Unterstützung das einzelne Kind tatsächlich benötigt und welche Kriterien des Begutachtungsinstruments erfüllt sind.
Das Bundessozialgericht hat in seinem Urteil vom 12. Dezember 2024 klargestellt, dass diabetesbedingter Hilfebedarf im konkreten Einzelfall auch außerhalb von Modul 5 berücksichtigt werden kann. Im entschiedenen Fall wurden unter anderem die notwendige Überwindung kindlicher Abwehr beim Setzen der Insulinpumpenkanüle in Modul 3 und eine besondere Beaufsichtigung der Nahrungsaufnahme im Zusammenhang mit der Insulindosierung in Modul 4 berücksichtigt.
Ob und wie viele Punkte daraus entstehen, hängt immer vom konkreten Einzelfall und bei Kindern zusätzlich vom Altersvergleich ab.
Fachverbände wie diabetesDE und die Deutsche Diabetes Gesellschaft fordern, dass Kinder mit Typ-1-Diabetes regelhaft mindestens Pflegegrad 2 erhalten. Das ist eine Forderung der Verbände und kein geltendes Recht. Es kommt auf die Begutachtung des einzelnen Kindes an.
Was im Pflegetagebuch stehen sollte
Schreiben Sie zwei Wochen lang auf, was tatsächlich anfällt, mit Uhrzeit. Nicht die Therapie beschreiben, die kennt die Gutachterin, sondern Ihr Eingreifen und das Verhalten Ihres Kindes.
- Jede Messung, jede Insulingabe, jeder Bolus, den Sie auslösen oder kontrollieren
- Jeder Sensor- und Katheterwechsel: Wie lange dauert er, wehrt sich das Kind, braucht es eine zweite Person?
- Jede Mahlzeit: Wer schätzt die Kohlenhydrate, wer achtet darauf, dass aufgegessen wird, was passiert, wenn das Kind nicht essen will?
- Jede Nacht: Alarme, Aufstehen, Nachmessen, wieder einschlafen
- Sport, Ausflüge, Kindergeburtstage: Was müssen Sie vorbereiten, wer muss erreichbar sein?
- Kita und Schule: Wer übernimmt dort was, und wie oft werden Sie angerufen?
Die Vorlage für das Pflegetagebuch hat dafür eine Spalte, in der Sie ankreuzen, ob es nachts war und ob das Kind sich gewehrt hat.
Wenn der Bescheid schon da ist
Prüfen Sie den Bescheid und das Pflegegutachten sorgfältig. Das Gutachten wird grundsätzlich zusammen mit dem Bescheid übersandt, sofern Sie der Übersendung nicht widersprochen haben. Sind Sie mit der Entscheidung nicht einverstanden, beträgt die Widerspruchsfrist in der Regel einen Monat nach Bekanntgabe des Bescheids. Prüfen Sie dazu immer die Rechtsbehelfsbelehrung im Bescheid.
Passt die Bewertung in einzelnen Modulen nicht zu Ihrem Alltag, beschreiben Sie konkret, wie es tatsächlich ist. Wie das geht, steht unter Widerspruch gegen den Pflegegrad. Wir gehen das Gutachten mit Ihnen durch. Rechtlich vertreten dürfen wir Sie nicht, dafür empfehlen wir einen Sozialverband oder eine spezialisierte Kanzlei.
Mit dem Alter ändert sich die Bewertung
Je selbstständiger ein Kind seinen Diabetes führt, desto weniger Punkte ergeben sich. Bei Jugendlichen wird der Pflegegrad bei einer Wiederholungsbegutachtung deshalb häufig abgesenkt oder aufgehoben. Das ist kein Fehler im Verfahren, sondern so angelegt. Es lohnt sich trotzdem, genau hinzusehen, ob die Selbstständigkeit im Gutachten dem entspricht, was nachts und in schwierigen Phasen wirklich passiert.
Schule und Kita
Wer im Klassenzimmer misst, rechnet und spritzt, ist keine Frage der Pflegekasse. Das läuft über andere Träger und eigene Anträge. Wolkenfreie Zeit begleitet seit Jahren Kinder mit Diabetes in Schule und Kita. Deshalb können wir Ihnen in der Beratung sagen, welche Wege es gibt und woran sie in der Praxis scheitern.
Häufige Fragen
Bekommt jedes Kind mit Typ-1-Diabetes einen Pflegegrad?
Nein. Eine Diabetesdiagnose allein führt nicht automatisch zu einem bestimmten Pflegegrad. Entscheidend ist, welche Unterstützung das einzelne Kind tatsächlich benötigt und welche Kriterien des Begutachtungsinstruments erfüllt sind. Bei Kindern kommt der Altersvergleich hinzu.
Lohnt sich der Antrag direkt nach der Diagnose?
Ein früher Antrag kann sinnvoll sein. Leistungen der Pflegeversicherung werden grundsätzlich ab Antragstellung gewährt, frühestens jedoch ab dem Zeitpunkt, zu dem die gesetzlichen Voraussetzungen vorliegen. Wird der Antrag erst in einem späteren Monat gestellt, können Leistungen unter den gesetzlichen Voraussetzungen ab Beginn des Antragsmonats gewährt werden. Der Antrag ist formlos möglich, ein Anruf bei der Pflegekasse genügt.
Zählt es, dass wir nachts aufstehen müssen?
Beschreiben Sie nächtliche Messungen, Alarme und Ihr Eingreifen im Pflegetagebuch und im Gespräch mit der Gutachterin, mit Häufigkeit. Ob und wie viele Punkte daraus entstehen, hängt vom konkreten Einzelfall ab.
Unser Kind hat eine Pumpe mit automatischer Abgabe. Fällt der Pflegegrad dann weg?
Nicht von selbst. Auch mit einem solchen System bleiben Katheter- und Sensorwechsel, Mahlzeiten, Alarme, Sport und Ausnahmesituationen. Entscheidend ist, was Ihr Kind davon selbst kann und was Sie übernehmen.
Stand: September 2026 · Fachliche Grundlage: SGB XI, Begutachtungsrichtlinien und aktuelle Veröffentlichungen der zuständigen Stellen.
Sie müssen nicht erst alles verstanden haben, bevor Sie sich melden.
Wir sind Montag bis Freitag, 9 bis 17 Uhr erreichbar und melden uns sonst in der Regel am nächsten Werktag. Beratungseinsätze nach § 37 Abs. 3 SGB XI führen wir in ganz Schleswig-Holstein durch.